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NEUE GESCHÄFTIGKEIT?


Am Anfang der Corona-Maßnahmen stellte jemand öffentlich die Frage, „Was geht hier eigentlich vor?“1 In der Öffentlichkeit löste diese Frage keine Versuche der Verständigung, der gemeinsamen Klärung aus. Stattdessen gediehen Verschwörungstheorien.


Eines ist sicher, wie derselbe Autor gut zwei Monate später in einem Interview bekundet, die Rede  der Politik (von Gesundheitsminister Spahn), ‚Gesundheit geht 100 prozentig vor‘, ist schlicht empörend.2  Sie spricht den Umweltbewegungen Hohn, die seit Jahrzehnten gegen die Allianz von Wirtschaft und Politik ankämpfen, um nur geringste Erfolge im Erhalt gesunder Lebensbedingungen zu erreichen.

Heute bleibt nur zu hoffen, dass Fridays for Future sich nach der radikalen Niederschlagung durch das Versammlungsverbot wieder erholt und gestärkt aus dieser Zeit hervorgeht – und nicht nur Google, Amazon, Facebook, die großen Profiteure der "Krise" sind.


An dieser Stelle kann ich auf Kino zu sprechen kommen. Mich beängstigt die Schnelligkeit, die Bereitwilligkeit, mit der Festivals, Kinos auf digitale Präsenz umschalteten. Im ökonomischen Überlebenskampf vielleicht verständlich, doch folgen sie damit nolens volens dem Trend des unaufhaltsamen Aufstiegs der Digitalindustrie, die, wenn nicht hundertprozentig gesundheitsschädlich, so doch keinesfalls der Gesundheit förderlich ist. Im Gegenteil. diese Industrie basiert, wie bekannt, auf ruinöser Ausbeutung von Arbeitern und Arbeiterinnen, auf Ausbeutung der Erdvorräte sowieso; sie bringt einen Energieverbrauch nie dagewesenen Ausmaßes mit sich. Und überdies birgt die fortschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche eine ungeheure Verdrängung der Gegenwart in sich: Gegenwart verstanden als physische Nähe von Menschen, Tieren, Pflanzen, von einer uns umgebenden Wirklichkeit, Gegenwart im Unterschied zu den vergangenen Welten oder zukünftigen. Wenn wir aus diesem Zusammenhängen isoliert werden, hängt die Gesundheit unseres Körpers, sein Leben am Ende allein noch vom technologischen Fortschritt der Medizin und dem Zugang zu dessen Produkten ab; und die wiederum vom Kapitalinteresse.


Kino ist ein Ort der Gegenwart und der Nähe: Im dunklen Raum sitzen wir in einer Menschenmenge, dicht beieinander – was heute des Coronateufels ist. Wir sind für uns und doch nicht allein. Das Kino ist aber ebenso ein Raum, indem uns Nähe und Ferne erfahrbar werden. Wie Kinogänger und Kinogängerinnen vielfach zur Sprache gebracht haben: Das auf der Leinwand erscheinende Ferne berührt uns, wir nehmen es mit allen Sinnen in uns hinein und umgekehrt projiziert sich unser eigenes Leben auf das Lichtspiel vor unseren Augen. Das sind Bewegungen der Selbstvergegenwärtigung zugleich mit und in der Wahrnehmung der äußeren Wirklichkeit, Bewegungen, die des eigenen Raums bedürfen.


Es wäre wunderbar, jetzt ein Kinoprogramm zu Formen der Nähe in ihrer geschichtlichen und gesellschaftlichen Ausbildung zu zeigen; zu Grenzüberschreitungen, Ausbrüchen aus sittlicher und moralischer, aus gesetzlicher Ordnung. #MetToo sei die Diskussion der 80er Jahre ins Gedächtnis gerufen. Es ging um "Sex am Arbeitsplatz" und Frauen und Film schrieb provokant: Wir sind dafür. Wir waren gegen die cleanen Arbeitsplätze, in denen physische Nähe und Annäherungen von vorneherein unter Verdacht stehen, aber für eine Veränderung der Machtverhältnisse in Büros und Fabriken, in Redaktionen und Theatern, in Filmproduktionen. Solidarität ist eine essentielle Gestalt der Nähebildung gegen den Machtzugriff und sie wurde von feministischen Filmmacherinnen der 1960er und 70er Jahre nachdrücklich vor Augen geführt. Sie lässt sich durch Vernetzung nicht ersetzen.


In dem Filmprogramm wird es auch um das viel gescholtene Happyend gehen: es folgt einer Sehnsucht nach Nähe, es gibt ein Versprechen von Nähe – wie trügerisch das Liebesglück der Sekretärin mit ihrem Chef sein mag. Realistischer in ihrem Pathos sind die tragischen Enden vieler Asta Nielsen Filme. Die Nähe, die unter den herrschenden (patriarchalen) Gesellschaftsverhältnissen nicht zu erreichen ist, glückt im Moment des Todes, in der leidenschaftlichen Umarmung dessen, den sie mordete oder im innigen Kuss, den sie im Augenblick ihres Todes endlich verwirklicht – Utopien der Kompromisslosigkeit. Die Sehnsucht nach Nähe überlebt: in den Zuschauerinnen und Zuschauern.


Ein Programm zu Nähe müsste auch eines zur Ferne sein: „Absence makes the heart grow stronger“ – ein Gedanke, den die Filmkurator*innen beherzigen sollten. Zeigen sie mit ihren Programmen digitale "Präsenz", so überspielen sie die Möglichkeit das Fehlende zu spüren, die Sehnsucht wachsen zu lassen und dem, zumindest zur Zeit, Verlorenen nachzudenken. Ein breiterer Widerstand dagegen, dass aus der temporären eine endgültige Schließung der Kinos wird, bildet sich nur so. Warten ist noch immer eine gute Sache – in Zeiten, in denen wir nicht wissen, „was geht hier vor?“, Zeiten, die Lähmung mit sich bringen und Orientierungsverlust.


Heide Schlüpmann


1 Dr. Bernd Hontschik in der Frankfurter Rundschau vom 22.3.2020

2 FR vom 6.4.2020