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BINDING KULTURPREIS 2017 FÜR KINOTHEK ASTA NIELSEN [MEHR]

HUNGERJAHRE

R Jutta Brückner, BRD 1980, 114 Min.

Mit Britta Pohland, Sylvia Ulrich, Claus Jurichs, David Ismail, Helga Lehner-Madin


In Anwesenheit von Jutta Brückner

Im Anschluss an die Vorführung Gespräch mit der Regisseurin und Jan Wetzel vom Filmfestival Spectrale, Moderation Heide Schlüpmann


Wie drückt man aus, wofür es keine Sprache gibt: stummes Leid und blockierte Hoffnung, verdrängte Vergangenheit und niederdrückende Verhältnisse, die Scham vor dem Körper und das Schweigen der Mutter? Wie findet man Bilder für das, was unsichtbar bleibt: innere Wut, Unsicherheit beim Blick in den Spiegel, exzessives Essen mit folgendem Erbrechen, das Tabu über dem elterlichen Schlafzimmer? Was verbindet die Geschichte der Gesellschaft mit der des Körpers? Und wie kann man innen und außen zugleich leben?


Ursula Scheuner wächst in den fünfziger Jahren mitten im Wirtschaftswunder auf. Eigenheim und Einbauschrank lassen die jüngste Vergangenheit vergessen und entschädigen für die freudlose Enge der Kleinfamilie. In der Schule wird nicht zu viel gefragt und draußen wird wieder aufgerüstet. Während die ersten Miss-Wahlen stattfinden und bierselige Männerlustigkeit Zoten verbreitet, steht die erste Regelblutung unter dem Tabu, gehütet durch die Mutter. Unter ihrem furchtsamen Blick gedeiht die Angst vor dem Körper, dem fremden wie dem fremd gewordenen eigenen. In den versteinerten Verhältnissen muss der Versuch scheitern, mit dem Erwachsenwerden einen eigenen Platz in der Welt zu finden. An äußere wie innere Grenzen stoßend, richtet Ursula ihre namenlose Wut gegen sich selbst. Die Selbstverletzung wird zum letztmöglichen Akt des Widerstands. Am Ende steht der radikale Bruch.


Als „subjektive Trauerarbeit einer Tochter“ ist Jutta Brückners erster Spielfilm ein individueller Blick zurück, der ähnlich feministischer Erinnerungsarbeit zugleich das Allgemeine im Besonderen freilegt. Dabei macht er eine (nicht nur) weibliche Lebenswirklichkeit vor den kollektiven Ausbruchsversuchen durch Frauenbewegung und Neue Linke sichtbar. Was sich seitdem geändert hat und was vielleicht auch nicht, wo sich Distanz herstellt und inwiefern der Film auch heutige Erfahrungen und stummes Leid sichtbar machen kann, möchten wir im Anschluss besprechen.


Jutta Brückner

Geboren in Düsseldorf, lebt in Berlin. Studium der Politischen

Wissenschaften, Geschichte und Philosophie, Promotion 1973. Ab 1972 Drehbuchautorin für TV-Serien und Kinofilme, so als Ko-Autorin für Volker Schlöndorff und Ulla Stöckl. Autorin und Regisseurin von Dokumentar-, Essay- und Spielfilmen: u.a. „Tue recht und scheue niemand“, „Hungerjahre“, „Ein Blick – und die Liebe bricht aus“, „Kolossale Liebe“, „Hitlerkantate“. Daneben filmtheoretische Texte, Filmkritiken. Hörspiele, Essays, Theatertexte und Bücher. Video- und Theaterperformances: „Bräute des Nichts“ und „Im Zwischenreich der Geister“. 1984 bis 2006 Professorin für narrativen Film an der Hochschule der Künste Berlin (heute UdK); Mitglied der Akademie der Künste Berlin und Direktorin der Sektion Film- und Medienkunst bis 2015.


Ihre Filme wurden vielfach national (Preis der deutschen Filmkritik, Film des Monats der Evangelischen Filmarbeit) und international (Preis der Internationalen Filmkritik) ausgezeichnet. Für ihr Gesamtwerk erhielt sie den „Tribute for Outstanding Achievement in the Art of Film“ des Festivals von Denver.


Zur Filmseite von Jutta Brückner


Die Veranstaltung nimmt die Filmreihe der Kinothek Asta Nielsen Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste im Rahmen von "Respekt. Stoppt Sexismus!“ des Frauenreferats der Stadt Frankfurt am Main wieder auf.

17.5.2017

19:30 Uhr


MAL SEH'N KINO


Eintritt 8 €

ermäßigt 7€ mit Gildepass

WEGBESCHREIBUNG






















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